Theresienstadt und Tübingen

Am 22. August 1942 verließ ein Zug der Reichsbahn den Stuttgarter Nordbahnhof. In ihm transportierte die Deutsche Reichsbahn über 1380 meist ältere Juden aus Württemberg, Hohenzollern und Baden ins Ghetto Theresienstadt (Terezín). Die Festungsstadt aus der Zeit, als der Ort zum Habsburgerreich gehörte, ist heute in Tschechien. Im November 1941 richtete die deutsche Verwaltung in der Garnisonsstadt ein Sammel- und Durchgangslager zunächst vor allem für die jüdische Bevölkerung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“ (der Kern Tschechiens und der Slowakei) ein.

SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich gab nach der „Wannsee-Konferenz“ bekannt, dass alle Reichsjuden über 65 Jahre in das Altersghetto Theresienstadt gebracht würden. Dies geschah seit 1942. Während einer kurzen Phase präsentierte das Reich Theresienstadt als angebliche „jüdische Mustersiedlung“ verschiedenen ausländischen Besuchern.

Die Zahl der Menschen im Ghetto schwankte stark. Zwischen Herbst 1942 bis Ende 1943 waren es oft deutlich mehr als 40.000 Menschen. Es herrschten akute Raumnot, Schutz vor extremen Temperaturen fehlte ebenso wie Sanitäreinrichtungen, die Verpflegung reichte bei weitem nicht. Im Herbst 1942 starben täglich mehr als 100 Menschen.

Die Gesamtzahl der Männer, Frauen und Kinder, die in das Theresienstädter Ghetto deportiert wurden, betrug bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 140.000, davon 42.821 aus dem Deutschen Reich. Unter den Deportierten waren etwa 15.000 Kinder. Ein Viertel der Gefangenen des Ghettos Theresienstadt (33.456) starben dort, vor allem wegen der vom Deutschen Reich verursachten Lebensumstände. Zu den Todesopfern zählten alleine 20.848 Juden aus Deutschland, das waren 48,57 % der ganzen Häftlingszahl aus deutschen Transporten und damit jeder Zweite. Knapp sechs Wochen nach dem Eintreffen des Deportationszugs vom 22. August 1942 aus Stuttgart in Theresienstadt lebten etwa 25 Prozent der Deportierten nicht mehr.

Von allen nach Theresienstadt Deportierten wurden 88.202 Häftlinge weiter in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Majdanek oder Sobibor deportiert. Bis zu ihrer Befreiung überlebten 16.832 der nach Theresienstadt Deportierten.

Der Beitrag entstand im Rahmen des Seminars „Biografisches Arbeiten in der Erinnerungskultur“ von Prof. Wolfgang Sannwald am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft im Sommersemester 2020. Die wichtigste Quelle war die Untersuchung und Darstellung eines Überlebenden: Adler, H.G.: Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Tübingen 1955.

Ev0 20200007 de

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