Deportiert und ermordet: Erich Hermann Dessauer

Erich Hermann Dessauer wurde am 13. November 1887 in Tübingen geboren. Der Vater, Adolf Dessauer, war Optiker. Dessauers wohnten zunächst im zweiten Stock des Gebäudes Neckargasse 2 und spätestens seit 1904 in der Uhlandstraße 16. Erich Dessauer studierte 1907 bis 1911 in Berlin und Tübingen Jura.
Am 20. September 1917 heiratete Erich Dessauer Emma Levi (1894-1975). Emma Levi war am 17. September 1894 in Stuttgart geboren. Das Ehepaar lebte in Stuttgart in der Uhlandstraße 21. Emma Levi hatte 1910 bis 1914 an der Musikhochschule Stuttgart studiert. Alfred Marx, selbst Überlebender des Holocaust und Jurist in Stuttgart bezeichnete sie als „Geigerin von Rang“.
Alfred Marx schrieb in einem Aufsatz 1965, dass Erich Dessauer 1917 beim Oberlandesgericht und Landgericht Stuttgart zugelassen worden sei. Seine juristische Praxis sei „das größte und angesehenste Büro“ in Bad Cannstatt gewesen. Ab 1936 übernahm er zusätzlich die Vertretung der Anwaltskanzlei Hayum in Tübingen.
Am 30. November 1938 wurde Erich Dessauer die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde er in „Schutzhaft“ genommen, 1941/42 ein zweites Mal „wegen Verkehrs mit Staatsfeinden“ von der Gestapo inhaftiert. Der „Staatsfeind“, so Marx, sei ein katholischer Geistlicher gewesen, der noch freundschaftlich mit Dessauer verkehrte.
Erich Dessauer und seine Frau Emma standen auf der Dportationsliste des Transports XIII/3 von Stuttgart nach Theresienstadt. Erich Dessauer hatte die laufende Nummer 4. Die neun Deportierten mussten am 17. Juni 1943 einen Waggon der dritten Wagenklasse auf dem Stuttgarter Nordbahnhof besteigen. Ein Gestapo-Mann eskortierte sie auf dem Transport, der am 18. Juni Theresienstadt erreichte.
Zu Theresienstadt berichtete Martha Haarburger noch im Juni 1943: „Die schwäbischen Häftlinge verbindet die gemeinsame Heimat. Wir betonen unsere Herkunft aus Württemberg und reden kräftig schwäbisch, wenn wir einander begegnen. Ein Stuttgarter Rechtsanwalt Erich Dessauer, der in der Gaskammer von Auschwitz endete, grüsst sogar einmal ‚Hie gut Württemberg allewege‘.“
Erich Dessauer wurde unter der Nummer 333 in dem „Ostentransport“ mit der Bezeichnung „Er“ von Theresienstadt aus ins Vernichtungslager Auschwitz weiterdeportiert. Er gehörte zu den 1500 Insassen des KZ-Ghettos, die sich am 14. und 15. Oktober in der „Schleuse“ der Hamburger Kaserne sammeln mussten. Die Männer, Frauen und Kinder wurden vor dem Gebäude in überfüllte Fracht-Waggons geladen. Der Zug fuhr am 16. Oktober 1944 ab und kam in Auschwitz-Birkenau am 18. Oktober an. Die meisten Deportierten wurden unmittelbar zu den Gaskammern geführt und ermordet. Erich Dessauers Frau Emma Dessauer überlebte Theresienstadt und kehrte zunächst nach Stuttgart zurück. Sie forschte intensiv nach dem Schicksal ihres Mannes.

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